Sunday, December 27, 2009

Zweifel

Liebe S.!
falls du gerade beschäftigt bist, dann brauchst du nicht zu antworten. Oder nicht gleich.
Ich höre gerade ein Lied von Delirious auf youtube und da ich eine alte sentimentale Kuh bin, kann mich so ein Lied mehr als andere zum Zweifeln bringen: Vielleicht ist es doch nicht richtig, sich gegen den Glauben zu entscheiden? Vielleicht wäre ich weniger einsam tief in mir, wenn ich mir Gott wieder einreden würde?
Wenn nur der Verstand nicht wäre, oder vielleicht: wenn mein Verstand nicht so begrenzt wäre, daß er den ganzen christlichen Glauben nicht für Humbug halten würde.
Kannst du mir nicht bei Gelegenheit mal erklären, warum du als hochintelligenter Mensch an "all das" noch glaubst? Das ist völlig neutral gemeint - es ist nur so, daß ich wenig Menschen abnehmen würde, daß sie ein bißchen schlauer sind als ich oder wenigstens besser denken können, und - ach sag mir einfach, wie das geht, das mit dem Glauben. Oder sag mir, wer es mir sagen kann.

Monday, August 07, 2006

MütterMafia


MütterMafia I

7.8.06

MütterMafia I

Ich verlasse das Haus und bin in der Fußgängerzone der Altstadt, umgeben von Beobachtern, Zeugen meiner mehr oder weniger gelungenen Erziehung.

Ich bleibe in der Wohnung und sehe das Quaken und Streiten und Weinen durch die offenen Fenster entschlüpfen, unter der Wohnungstür hindurch entweichen, zu den Ohren über mir, neben mir, gegenüber. Ich kann mich mit zwei kleinen Jungs nicht unbemerkbar machen - zumal nicht mit meinen.

Nie zuvor in meinem Leben habe ich mich derart sozial kontrolliert gefühlt wie mit kleinen Kindern. Ich höre die ausgesprochenen, unausgesprochenen und eingebildeten Kommentare, die Kritik, die ach so hilfreichen und verdammt gut gemeinten Ratschläge.

Vor allem aber höre ich mich selbst, meine Kommentare, meine Kritik. Ich weiß, wie ich noch vor einigen Jahren, ohne Kinder, gedacht und geurteilt habe. Und ich hole aus der Erinnerung die Kritik anderer Menschen hervor, die in anderen Situationen etwas über mich, meine Kinder gesagt haben; ich passe diese Kritik einfach an die jetzige Situation an, und höre sie erneut, immer wieder. Davor kann ich nicht weglaufen.

Vielleicht ist das gut so.

Langsam, ganz langsam, lerne ich, diese inneren Stimmen zu ersetzen. Ich stelle mir vor, wie Gott meine Kinder sieht. Gott, der sie voller Liebe und Lebensfreude geschaffen hat, und zwar genau so, mit ihren kleinen und großen Stärken und Schwächen. Und nicht eine perfekte Version, zu der ich sie noch bringen müsste. Der sich täglich an ihnen freut (so wie ich in meinen besseren Momenten). Der mit dem Großen leidet, wenn er vor Eifersucht fast platzt. Und mit dem bald fast ebenso großen Kleinen, wenn er sich in einem ausgedehnten Selbstmitleidsanfall wälzt. Gott, der ins Herz schaut, aus nächster Nähe, nicht verurteilt, sondern versteht und schützt. Ich will meine Kinder mehr mit Gottes Augen sehen. Und seine Gedanken zu ihnen hören.

Und vielleicht kann ich dabei, so ganz nebenbei, lernen, auch mich mit Gottes Augen zu sehen.